Montag, 20. Februar 2012

Stoffeln ...

Ein armer Stoffel ist eigentlich ein etwas unbeholfener Mensch, der durch die Welt stolpert oder eben stoffelt. Eigentlich an arma Siach. Nicht aber in GR: da wird's zu einer positiven Wortumdeutung. Einer der „stoffelt“ ist ein Sibasiach, der nur mit grossen Nullen dealt und alle Nullen einpackt...“. Und „stoffeln“ dürfte also neu im Wörterbuch als „mit Geld pack ich alle ein... “umschrieben werden.... Ob der Dicziunari rumantsch das Wort auch aufnimmt, ist nur eine Frage der Zeit. In Vals wurde sogar überlegt, ob es nicht auch noch zur Heizung des Thermehotels genutzt werden könnte. Schliesslich wurden damit schon einige erfolgreich verheizt. In Graubünden fällt auf jeden Fall auf, dass das Wort in mancher Klatschrunde verwendet wird. Das „Bilanz“- Magazin versuchte es auszumerzen, muss jetzt aber auf einige Gerichtsurteile warten. So stossend soll „stoffeln“ offenbar nicht sein, meinen viele Bündner Strippenzieher, die biedermännisch lieber nicht über ihre Geschäfte reden.

„Stoffeln“ ist ein hippes Wort. Sogar die Fastnachtszeitung brauchts. Auf jeden Fall hat sich rumgesprochen, dass man durch die Welt stoffeln kann und nichts ahnend plötzlich reich wird. So geht's vielen, die in Graubünden mit dem neuen Wunderwort zu tun haben. Ganze Kohorten von Abhängigen, Anwälten, Regierungsräten und Wirtschaftsförderern sind engagiert, laufen wortgewaltig und hechelnd herum und hoffen auf den grossen Reibach.- Aus diesem Bach wird viel Energie erzeugt - nein, natürlich keine kriminelle. Von Pontresina, Chur bis Lenzerheide und Vals. Und die Leute entwickeln sich zu Fixern: sie denken immer nur an den Stoff. Der Stoff aus dem die Träume sind.


Kleinere Kavaliersdelikte sind dann vielleicht als Kollateralkratzer zu entschuldigen. Es geht ja ums Wohl einer grossen Gemeinschaft. Sogar die Rechtschreibung dürfte geändert werden. Wird „stoffeln“ ein neues Wort im Duden? Wie man wöchentlich neu lernt, gibt's immer wieder neue Allianzen dagegen. Zum Wort des Jahres dürfte es aber schon reichen. Immer noch besser als Döner-Mord - und bedeutend ungefährlicher, schliesslich geht's hier höchstens um nicht viel mehr als viel Geld. Aber das sagte doch schon der Pate Marlon Brando im Film: „wir sprechen bei Tisch nicht über Geschäfte.“- Da stoffeln wir lieber weiter - sprachlos über soviel Segen.

Donnerstag, 1. September 2011

Aussteigen

Am liebsten hätten wir ja so einen Strom-Kebab mit allem Pipapo: billig drauflos sauen mit Energie, keine Angst vor Atom-Tsunamis, gutes Gewissen, Grün-Faktor-Bluff - alles enkeltauglich.

Kann ich jetzt den Sonntagsfilm noch reinziehen - oder muss ich gleich am Montag eine Bonsai Arve pflanzen um zu kompensieren? Jeden Tag mit dem Auto nach Zürich pendeln und dafür im Prättigau so ein autarkes Passivhaus bauen, mit einem Dämmplatten-Panzer gemacht aus Erdöl? Im eigenen Business ziemlich (unbekümmert, wie die meisten) meine CO2 Schleuder-Lastwagen rumkutschieren lassen, dafür postet meine Frau ein E-Bike? Einen neuen Kühlschrank A+++ kaufen  und dafür in die Karibik fliegen?

Easy - die „Atomstrom-ist-gefährlich-Grippe“ stabilisiert jetzt wieder bei 36.5 Grad. Alarmismus ist ja auch nicht gefragt. Was hat Kathrin Röggla so treffend formuliert: wenn sie ihr Haus brennen sehe, laufe sie nicht mehr raus. Sie bleibe drin, sie warte ab, ob es wirklich brenne. Die Alarmdosis, die auf Menschen einwirkt, ist längst zu hoch. Die Reaktionsbereitschaft sinkt, der Alarmismus zeigt keine Wirkung mehr. Die Atomaussteiger sind Hysteriker, Warnende, Bedenkenträger. Die dauernervöse Öffentlichkeit liebt das Dauergeschwafel und Oberflächengekratze mehr, als Messages, die man nicht so genau beurteilen kann. Haben die Probleme keine Lösung, weil die meisten Lösungen schon wieder das Problem sind? Kommt mir so vor - mindestens bei der Atomkraft.

Vor den Ferien waren wir noch eine Expertenrepublik. Jeder hat's ja immer gewusst. Nur kein Atomstrom. Die einen sind Solarfreaks: Solarzellen - von der Tundra bis zur Sahelzone. Die andern machen Wind mit Windrädern. Die Biomasse tritt jetzt auch massierter auf. Und die Ganzschlauen, die Stromdealer, die elektrisiert sind vom Geldscheffeln mit alten Atomanlagen und Kohlekraftwerken haben einfach geschwiegen und ihre PR-Maschine angeworfen. Auch das hilft immer: die Vereinnahmung mit vermeintlicher Expertenkompetenz und krawattenunterstützter Wortkompetenz, durch eine matrix-geordnete „alles-im-Griff-Weltsicht“. Nun, eines wissen wir sicher: jedes Kilowatt ist eigentlich Politik und Ideologie und viel Geschäft. Und die Stromlobby, verfilzt und verschachtelt, hat gar kein Interesse andere was verdienen zu lassen. Jetzt kann man mit dem bauernschlaubewährten SVP-Szenario drohen: Versorgungssicherheit und höhere Preise. - Hat man bisher am hohen Stromverbrauch so toll verdient, will man die Freakshow verlängern. Dürfen wir denen noch trauen? Sicher, wir haben ja bald eine Stromlücke - ja, aber noch vorher, gab's da nicht eine Geisteslücke der Strommanager? Alle neuen Technologien breit zu nutzen und vor allem, deren Speicherung mal anzudenken, wäre nicht so falsch gewesen?

Trauen sollte man den Stromern nicht, aber zutrauen sollte man denen auch nicht viel. Herr Altregierungsrat Lardi- neuer REpower Verwaltungsrat zum Beispiel ist ja kein Gefährlicher. Aber gefährlich wird's, wenn man denen zutraut gewichtige, energiepolitische Weichen zu stellen. Der Papa-Moll-Faktor plus ein paar alte Kollegen reichen natürlich um an der GV gewählt zu werden.  Und wenn an der RE-GV die silbergrauen Senioren in ihrem  Dividendenhunger mit tosendem Applaus niemandem reden lassen, der die Kohle-Kraftwerk-Diskussion anregt, damit man schneller zum GV-Mittagessen kann, ist das ja altersgerecht tolerant. Die dürfen ja Energieprobleme mit Ideologie verwechseln. Aber die Führungsdemenz sollte man dann doch hinterfragen.

Als ich in den 80er Jahren den damaligen Regierungsrat Brändli animieren wollte, die Bio-Landwirtschaft anzukurbeln kam die Antwort (O-Ton): „Die erreichen ja sowieso nur 4% Marktanteil.“ Wo sind wir jetzt? Auch bei 40% Bedarfsdeckung durch Bio. Beim Strom genau so - es ist nachweisbar, dass wir auch künftig mit erneuerbaren Kombinationen 40% unseres Strombedarfs decken könnten. Und wo ist der Herr Brändli: Ständerat und natürlich REpower Verwaltungsrat, der mit anderen verhindert hat, dass die RE ein Pionierunternehmen wird im Ökostrom?  - Selbst erlebt: ich hatte vor 15 Jahren in Wiesbaden vor der Spitze der deutschen Energiewirtschaft ein Referat zum Marketing von Ökostrom, das überall Nachahmer fand. Und die Beispiele unserer RE-Ökostrom-Werbung mit Coop Schweiz wurden kopiert. Ein Jahr später wurden die Massnahmen sang- und klanglos vom VR beerdigt.

Aber vielleicht sehe ich das einfach zu einfach. Wenn z.B heute die tollen Postautos  mit (meiner) Ökostrom Werbung von REpower rumfahren, frage ich mich einfach, wieso da nicht der Slogan „15 Jahre zu spät“ draufsteht... Die tollen Bilder unserer Natur-Wasserkraft machen uns ja subito so glücklich. Man verbreitet das Märli, Ökostrom wolle sowieso niemand, und dann macht  man mit Steinkohle aus Südamerika Strom in Deutschland; den schickt man dann umständlich mit vielen Energieverlusten quer durch Europa und betreibt damit Bahnen. Da hätte man ja gleich mit der Kohle die alten Dampfloks wieder heizen können.

Es haben ja viele recht, aber nur eines zählt: sparen mit Geräten und Motoren der neuen Generation, dämmen und neue Energieformen effizient kombinieren und die alten Märchen nicht mehr glauben. Josias Gasser sagt: „Für mich bedeutet seriöse Energiepolitik: Konzepte entwickeln (Energieeffizienz und erneuerbare Energien statt Grosskraftwerke), forschen, tüfteln und nach neuen Lösungen suchen, testen, probieren und umsetzen. Mit Eindreschen auf und Verteufeln eben dieser Konzepte kommen wir nicht weiter! Es ist jedem Kinde klar, dass es keine Technologie zur Stromerzeugung gibt, welche keine Umweltwirkung hat. Solange wir Strom jederzeit an jedem gewünschten Ort in jeder gewünschten (noch so verschwenderischen) Menge zur Verfügung haben wollen, brauchen wir Kraftwerke (Strom-erzeugungsanlagen) und zwar möglichst saubere und dezentral. Noch besser ist die Investition in Energieeffizienz. Im Häuserbau liegt das grösste Einsparpotential.“ Punkt.

Besser nicht reden über den Ausstieg - ist das der beste Ausstieg? Ein gutes Beispiel für das Drüberhinwegschwafeln gibt's im neuen Film von Mike Leigh „another year“: Am Schluss ihrer Energiediskussion sagt der Geologe zur alkoholisierten Mary: „you are absolutely right, Mary, ....und beendet dies: “would you like some coffee?“ - Sie können aber auch das Standardwerk von Peter Sloterdyijk über den Zynismus auf Ihr Nachtischli legen...

Mittwoch, 16. Februar 2011

ErzieCHung

Menschen sollte man einfach besser führen können... In diesem Punkt bin ich vollständig mit den vorgeschlagenen Erziehungs-methoden der SVP einverstanden. Die Schweizer sind doch eine labile Anhäufung von Protoplasma geworden. Da gibt es nur eine Methode, die wirklich wirkt: drohen - drohen - drohen. Und wenn ich eine Waffe hätte, würde ich das Obligatorische im Klikinsgi einführen. Den Totalanspruch an eine hochmediokre Gesellschaft muss man auch praktisch durchsetzen. Unsere Kultur- und Seelenverwandten, die Chinesen, machen das ja genau gleich. Die östlichen Tigermütter deklarieren unsere Erziehung ja auch als gescheitert. Diese überwürzte Lehrer-Korrektness der Schweizer nützt doch nichts. Allen Recht machen, macht die nur zu Linken. Dieses ph-neutrale erziehen, das dann nur zur Abschaffung der Armee führt.

Ein verschämter Schuss DDR-Pädagogik und etwas Schlüersche-Rechtshaberei nützen da viel mehr. Schweizer Werte wie Sturmgewehr, Fondue und Bancomat sollen wieder in die Schulstuben kommen. Leistungsbereitschaft, Disziplin und Ordnung - die Sauberstramm-Stamm-Erziehung soll wirken. Und vor allem sind es ja auch Persönlichkeiten, an denen sich die Schüler orientieren können sollen. Persönlichkeiten wie Blocher, Brunner oder eben Stamm, die auch mit ihrer vorbildlichen Standardsprache immer wieder überzeugen. Das rachentiefe „Ich“ zum Beispiel bei der Aussprache von Bortoluzzi und die Bierbrauerphysis verscheuchen sicher erfolgreich jedes einigermassen tierähnliche Wesen und verstärken die Drohkulisse bis zum Balkan.

Diese Schweizer Archetypen sind gefragt. Man soll doch auch die Leute wieder richtig benennen können: zum Beispiel nach der unappetitlichsten Körperöffnung. Und Frischhalteparolen für den verbleichenden Altvorderen-Glanz sind immer gut; mit Frühförderung mit Biss meinen wir die 50er-Jahre Pädagogik. Nachdem der Anteil der Rechtsstimmer bei den jungen Zielgruppen schon auf 40% gestiegen ist, klappt das ja immer besser. Und erfreulicherweise ist auch der Anteil der jungen Banker und Exportfachleute zunehmend, die jetzt in Scharen  zur einzig wahren Schweizer Partei finden. Die wollen da ja nur etwas mehr demokratische Kontrolle.

Hysterischen Kindergärtnerinnen mit Kontrollzwang ist deshalb wohl eine erfolgsträchtige Zukunft gesichert. Optimale Zwangsstrukturen („ich zähle bis 3 - und du bist Mitglied der SVP „) sind auch hier empfehlenswert. Mundartsprechen ist doch nicht nur im Emser Kinsgi angesagt. Und überhaupt: so perfekt Englisch wie Frau Martullo müssen wir Schweizer ja auch nicht können... (what are the 7 rules of our kindergarten - you motherfucker?) - Diese sozialwirtschaftlichen Drückeberger wie Landwirte und andere Subventions-Empfänger sollen eben früh diszipliniert werden. Schon mein Feldweibel hat immer gesagt: „Lass sie Liegestütze machen, dann vergeht denen dann schon das Denken.“

Montag, 15. November 2010

Spielchen

Jetzt wollen wir titanisch die Pferde satteln für eine neue Zukunft. Es ist die Zeit gekommen, die Weichen für die nächsten 50 bis 100 Jahre zu stellen. Und die paar Olympia-Milliarden liegen wohl noch drin. Wir Oldies werden Graubünden aus der wirtschaftlichen Stagnation herausführen und sehen uns als Visionäre und Pioniere. Die Öffentlichkeit soll uns als Entrepreneurs wahrnehmen. Übersteigerte Siegerhaltungen sind doch gut - nicht nur im Eishockey. Globalisieren muss man ja nicht alles, aber:„Erst wenn Sie dich in Wladiwostok kennen bist Du ein Weltstar,“ sagte schon Woody Allen. Tarcisius Caviezel und Christoffel Brändli empfinden da ähnlich. Olympische Winterspiele müssen her. Und wenn's auch nur für die nächsten Parlamentswahlen ist. Nachdem Regierungsrat Trachsel die letzte Bewerbung schlichtweg an die Wand gefahren hat, wurde er ja auch zum Dank als Regierungsrat gewählt. Nun unterstützt er ja nur noch konkursite Buden. Die Liste aller seiner Start-ups, die eingegangen sind - ab Mainstation bis zur Haltestelle Grosssägerei Ems - ist auch bald olympisch. Mitmachen beim Machbarkeitswahn ist wichtiger als Gewinn machen. Das zeigen auch die 600 überflüssigen Parkplätze des Outlets in Landquart.

Olympia in Graubünden: Klar, zum ersten Mal kleine, weisse umweltfreundliche Spiele - nur so einfache Spielchen - zwischen Davos und St. Moritz. Nur mehrere Milliärdchen sind nötig. Solche Projektiönchen tun gut. Da können wir alle Meliorationsstrassen sanieren und jedes Bähnli realisieren. Und damit das gut läuft, bauen wir die typische politische Paranoia auf: Allen die etwas mitdenken, dichtet man einfach einen negativen konspirativen Sinn an.„Die haben doch keine Ahnung von der Wirtschaft....“ Der ganze Bürgerblock ist ja dafür - inklusive Grünliberale, die immer gerne und sowieso schon in vorauseilendem Gehorsam dabei sein wollen, wenn man Management-Simulationen startet.

Wie geht's weiter? Wir erklären einfach und mit mehreren Gutachten gestützt die Unausweichlichkeit zu diesem grossen Schritt - und die wirtschaftliche Unerreichbarkeit aller Alternativen. Dann schämt sich der grosse Rest und der Grosse Rat Fragen zu stellen. Denn auch schon in der Geschichte „des Kaisers neue Kleider“ hat sich nur das Kind nicht geschämt eine Frage zu stellen. Unsere Wirtschaftsförderung, die sich mit einer stattlichen Anzahl von Arbeitsplätzen ausschliesslich dem Zählen von Erbsen widmet und dem Abhökeln von absurden Machbarkeitsstudien, kann da sicher einige Zusatz-Wertschöpfungs-Gutachten machen lassen, um ihre Unfähigkeit zu dokumentieren. Das ganze betten wir dann in ein PR-Konzept ein: Das kann man sich ja nach dem Marketing Prinzip des Wunschkonzertes zurechtschustern - wenn gespielt wird, was sich jedermann sowieso wünscht, braucht man sich wenigstens nicht um dem Applaus zu sorgen. Also jedem ein Gschenggli. Jeder der irgendeine Sportart betreibt in Graubünden wird doch dabei sein wollen. Als zentral-relevante Orientierungsgrösse nehmen wir dann noch ein Paar HTW-Buchhaltungslehrer, die dazu ein professorales Dossier abliefern. Copy Paste - die Bewerbung vom letzten Mal, nur die Daten wechseln und aufpassen, dass es niemand merkt: die nichtvorhandenen  Betten und Kapazitäten für Sportler und Media-Leute können wir ja im Südtirol borgen. Was die 4 Eisstadien mit je 50'000 Zuschauer nachher zwischen Selfranga und Samedan machen, könnten wir ja mit der Lia Rumantscha bereden. Für die Minderheiten ist eine Biathlon-Schiessanlage für 25 Mio Franken im naturgeschützten Stazerwald oder eine Sprungschanze für 2 Skispringen pro Jahr und 35 Millionen - immer gut. Unser Hit: kein einziger Baum muss gerodet werden und die Defizite erreichen auch nur knapp die Waldgrenze.  Mitmachen beim Wirtschaft-Karaoke: alte Dossiers hervorholen, alten Schnulzen nachträllern und damit für 15 Minuten im Gespräch bleiben. - Aber bitte, wir wollen doch nicht polemisieren, lieber die Interpretationsdifferenzen produktiv operationalisieren. Also alle paar Jahre wieder eine millionenteure Studie lancieren...

P.S. Ich war schon zweimal dabei in diesen Initiativ-Komitees... möglich, dass ich vielleicht einfach zuviel weiss. - Wie heisst die Krankheit schon wieder? Ach ja, „ich weiss, dass ich nichts weiss, aber viele wissen nicht einmal das.“ (Das heisst dann die sokratische Ignoranz - ist aber weniger schlimm als die demokratische Ignoranz)




Dienstag, 3. August 2010

Platzangst

Graubünden „erweitert den Horizont“ steht auf dem Jahresbericht des Wirtschaftsforums Graubünden. - Ja, das sehe ich auch so, jedes Mal wenn ich auf einem Berg stehe. Wir wollen doch alle einfach nur irgendwo abschalten, unerreichbar sein und die Daseinsform des Unerreichbar-Seins kultivieren. In Graubünden ist man nach 2 bis 3 Stunden wandern oder biken im Paradies - dann sind wir unerreichbar wie im Vitriolwasser. Brauchen wir dazu ein Hüsli in Moritz? Vielleicht genügt ja eine nette Gaststätte in der Nähe? Einige Gutverdiener und Boni-Empfänger sehen das offenbar etwas anders und erweitern sich ganz gäbig - nebst dem finanziellen Horizont - auch die Sicht auf die Bündner Berge. Wenn man die Entwicklung der Immobilien-Preise in Graubünden ansieht, fragt man sich, ob die globale Platzangst der Reichen in Graubünden eine Kernzone hat? Gibt's zu viel (zufliessendes) Geld und zuwenig Raum? Erweitern die alle ihren Horizont mit einem Bündner Ferienhaus?

Die Preise für Bündner- Ferienwohnungen sind auf einem Hoch: der Quadratmeter für Eigentumswohnungen in St. Moritz (18'000 bis 40'000 Franken), Davos (9'000 bis 14'000 Franken) und in Flims Laax (9'000 bis 12'000 Franken). Und in S-chanf und Parpan hofft man auch auf eine Steigerung... Wir leben also gut vom Raum verkaufen. Gut so. Von etwas müssen wir ja leben. Die Arbeitsplätze in diesen Regionen sind nämlich zurückgegangen... Nur wer profitiert davon? Einige sehr gut verdienende Zweitwohnungskäufer und unsere Immobilienwirtschaft. Zehn Prozent der Bevölkerung garnieren 90% der Profite. Nicht falsch, Frage ist nur, ob wir nicht in weniger frequentierten Regionen etwas mehr für die Wertschöpfung tun sollten?

Genügt das, wenn nur unsere Immobilienwirtschaft profitiert? So einfach ist diese Frage nicht: alte Hotels - schlecht geführt - bringen etwa gleich viel Auslastung wie eine Durchschnitts-Ferienwohnung, also rund 20% (Beispiel Zernez). Neue Ferienwohnungen, gut vermarktet (Beispiel Laax und Savognin), bringen mehr Auslastung (über 50%) und damit auch mehr Umsatz und Wertschöpfung, als der Durchschnitt der Bündner Hotellerie. Nicht immer gilt also: Hotelbetten sind warme Betten und Ferienwohnungen sind kalte Betten. Gut, neue Ideen werden jetzt natürlich hoch gelobt: Kauf mit Vermietungspflicht (oder „buy-to-use-and let“ heisst das so schön im Jargon). Nur funktioniert das noch nicht so überzeugend auf dem Markt.


Das erinnert mich an das berühmte Bild von Sigmar Polke mit dem Titel: „Zwei Hunde und ein Knochen kommen nicht so leicht zur Einigung.“ - Haben wir zu viele  gut verdienende Hunde und zuwenig Raum? - Wohl doch. So gesehen haben wir eben nicht alle den gleichen (finanziellen) Horizont, höchstens den gleichen Himmel über uns. - Aufwärts geht's; wenigstens seit die Blasen-Banker zwar wieder besser verdienen, die andern ihnen aber nicht mehr trauen: lieber ein Hüsli in Moritz, als einen schlechten Anlageberater. Nur hat es der Boni-Adel natürlich nicht nötig, die gekaufte Ferienwohnung zu vermieten. Folge: Wertschöpfung Null, Zero. - Irgendwie kommt mir da die alte Definition des Kapitalismus hoch: „Zwei Wölfe und ein Schaf beraten zusammen, was sie Znacht essen.“ - Sind wir jetzt die Lammkoteletts?

(P.S und Philosophie-Exkurs: in der Tourismus Branche gibt's ja das Phänomen des double bind: überall dort wo man noch unentdeckte Paradiese findet, sind sie nach kurzer Zeit entdeckt und jedermann will dorthin. Bis wieder zu viele dort sind. Das gleicht dem Mann der immer hoffnungsvoll seinem eigenen Schatten entfliehen will.)

Freitag, 9. Juli 2010

Mit Heidi ins Ökohaus

Mit Heidi Klum in ein Ökohaus ziehen würden 23% der Deutschen. Mit Georg Clooney in eine Waldhütte auch noch 16 %. Sagt eine Trendstudie von Planethome. Mit Angela Merkel in eine Traumvilla nur noch 6 %. Dafür würden auch 14 % (vor allem Männern) ein Reihenhaus mit Angela Jolie genügen. - In Graubünden würde der Herr Regierungsrat Lardi lange wartend, dann wohlüberlegt und umsichtig umfragen, ob da nach den richtigen Personen gefragt wurde und ob diese Umfrage - wie die Wahlumfrage der SO- eventuell nicht stimmt. Und ob die HTW Hochschul-Befrager noch bei Trost seien. Nun, tröstend ist an diesen Studien immer wieder, dass wir danach wissen, was sich so alles Wissenschaft nennt.

So wissenschaftlich präzise wollte ich doch auch sein. Kürzlich habe ich deshalb mit einigen Kindergärtnern eine repräsentative Umfrage gestartet. Wiederum die Frage der Fragen: mit wem denn die Südost-SchweizerInnen gerne in ein Haus ziehen würden? Mit Carlo Janka in ein Biwak würden rund 90 % der BündnerInnen, fast gleich viele wie mit Dario Cologna. Mit der Miss Südostschweiz im Laden von Chäs-Fritz wohnen wollen dann doch nur mickrige 4%. Mit Hanspeter Lebrument ins neue Medienhaus ziehen möchten fast alle Bündner-Politiker, HansjörgTrachsel möchte aber  in diesem Falle noch häufiger in der Wirtschaftsberichterstattung erwähnt werden. Im Outlet -Center in Landquart übernachten würden offenbar doch fast 80% gerne, falls  Linda Fäh auf den  potemkinschen, angeklebten Terrassen auf sie warten würde. Ins Churer Grossratsgebäude umziehen möchten aber nur ganze 15% - obwohl der Eingang jetzt nach dem Architekten-Koran etwas aufgewertet wurde. Mit Stadtpräsident Boner ins Stadthaus ziehen würden rund 90 % der Churerinnen inklusive  einem See vor dem Haus, einer intimen Begegnungszone und kostenloser Begleitung zum Churer Fest. Bedauerlicherweise sind es Nullprozent  der RE-Power Verwaltungsräte, die in ein enkeltaugliches Öko-Minergie-Passivhaus  ziehen würden - halt ohne Heidi Klum, aber vermutlich ist das eh wegen des Steinkohle-Grills. Unerklärt bleibt, wieso die Studie feststellt, dass seit kurzem kein Arzt in einer Apotheke wohnen will. (Hat wahrscheinlich etwas mit den Pilleneinnahmen zu tun. Aber davon haben wir Pillenschlucker natürlich eh keine Ahnung.)

Ob die Mehrheit der BündnerInnen mit Frau Cahannes oder Frau Janom in eine Traumvilla im Lürlibad, oder doch lieber mit Angela Jolie in eine Block-Wohnung in der Austrasse, gegebenfalls mit Renzo Blumenthal  in eine Waldhütte möchten, hat die Studie leider nicht festgehalten. Selbstverständlich können Sie ab Dezember Einblick in die  umfassende Umfragemethodik nehmen. Die interviewgeschulte Kindergärtnerin der Kinderkrippe „Heidi und Peter“(das ist die, mit dem inbegriffenen Fachhochschul-Master) ist dann wie immer am Montag um 9 Uhr dort.

Montag, 14. Juni 2010

Schreibhemmung?

Ein Theodor Fontane wollte ich zwar nie werden. Meine Frau meinte, die Frau Briest hätte schon recht, als sie zu ihrem Mann sagte: „Fang bloss nicht an zu dichten Briest, das liegt ausserhalb deiner Möglichkeiten“. Extrem lukrative Möglichkeiten sah ich dann im Werbetexten. Aber auch da meinte meine Frau, nur das Copyright auf Rechtschreibefehler würde mir meinen Lebensunterhalt sichern. Darum wurde ich dann auch Werber oder eben Kommunikationsberater. Das sind dann die, die sogar ihre Glatze als Werbefläche verkaufen. Soweit ging aber nur mein Haupt, das sich im Laufe der Jahre adäquat auf mein neues mögliches Geschäftsfeld Haare lassend vorbereitete.

Gut, gebildet zu sein heisst ja auch, sich nicht anmerken zu lassen, was man nicht weiss. Wenn Joyce seinen Leopold Bloom am Ende des vierten Kapitels von Ulysses auf dem Kackstuhl sitzend über die Beziehungen von Leib und Seele nachdenken lässt, ist das natürlich was anderes, als wenn ein 20-jähriger Rapper „Scheisse“ singt... (Ich finde das übrigens nicht so schlimm; in den USA sagten mir viele Scheisser). Weil Deutsch taugt halt auch nichts mehr. Man kann natürlich auch über die heutige Jugend motzen, anstatt über des alten Kaisers Bildungsdünkel und seine nicht existenten Kleider. Denn gesegnet seien die, die nichts zu sagen haben und das Maul halten, meinte Oscar Wilde. Was nicht unbedingt für jede Ausgabe unserer Regionalzeitungen zutrifft. Wenn man die Bündner Medien liest, wird's ja schwierig auf der immer mehr nach unten offenen Erfolgsskala den Grenzwert von der Sch... zur Schreibe zu finden.

Kafkas viel zitierter Satz von der Literatur, die eine Axt sein müsse für das „gefrorene Meer in uns“, habe ich nicht  hundertprozentig verinnerlicht. Ich spiele mehr mit dem Bildungsbürger-Ansatz; bin also eher ein Zitaten-Grübli-Häckerli oder lausiger Wortverdreher. Gebildet sein heisst ja: sich nicht anmerken zu lassen, wie schlecht man ist (stammt nicht von mir; ich hätte es bildungsgeschwurbelter zitiert). Hat Nietzsche in Graubünden geschrieben. Oder vielleicht auf dem Weg nach St. Moritz. Inspiriert war der Wahnsinnige auf jeden Fall hier. Von den unendlichen Höhen und Tiefen in diesem Land der Bettenhändler, Biobäuerinnen und Skilehrer. Im Land der Steine und Böcke fangen viele Geschichten an. Und nicht in Gregor Samsas Bett wie bei Kafka. Obwohl natürlich viele Geschichten im Bett anfangen.

Seit Analphabeten Sweat-Shirts mit der Aufschrift University of California tragen dürfen, gibt's ja auch die Bündner Wochenzeitungen. Die reizen ja dann zum dichten. Die BüWo zum Beispiel animiert mich jeden Mittwoch zum nachdichten, selten zum denken. Fazit: je mikroskopischer die Geschäftsfelder, desto grosskarierter unsere lokalen PR-Blätter. Jedem Nagelstudio seine PR Meldung mit einer glokalisierten Weltneuheit. Die reizen mich dann aber wieder gar nicht.


Seit dem Teenager Alter in den 60er Jahren liebe ich es  tucholsky-satirisch; in der Zwischenzeit gibt's zwar SMS und Stefan Raab – LOL - Lachlach. Zum Kurzfutter meinte ja schon  Tucholsky: „Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“ Genau auf dem Punkt. Obwohl sich unsere Generation schon fragt, ob die Abkürzungen nicht auch schon wieder einen sozialen Code für die Generationenunterscheidung bedeuten. Ich schreibe short, darum bin ich jung? Persönlich schreibe ich einfach gerne, darum bin ich. Und so schreibe ich halt eher in der etwas redundanten Deutschlehrer-Altersheim-Codierung.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Kunstkult

Über Kunst will ich mich nicht streiten. "Wenn man's kann ist's keine Kunst, und wenn man's nicht kann erst recht keine", hat doch Karl Valentin schon gesagt. Und über die schön ziselierten, hochnobilitierten Sätze, die uns vorgekaut werden, damit wir merken, dass was Kunst ist, wundere ich mich schon längst nicht mehr. Aber diese wahre Geschichte hat alles geschlagen was ich bisher unter Kunst kannte. Vielleicht sollte man auch mal den Kunst Schaffenden zu erläutern versuchen, wo sich der, auf der nach unten offenen Kulturförderungsskala, der Grenzwert zur Nicht-Kunst befindet.

Schauplatz Cuba: Wir spazierten recht touristisch beim Eindunkeln im November durch Havanna. Auffällig war da eine Vita Parcours-Tafel an einem beleuchteten Haus. Emsig strömten neue Leute zu dieser Türe. Locker gekleidet, aber doch mit dem gewissen Etwas der Internationalität. Oder eher Kultis? Vorsichtig schaute ich mich um, ob da wohl wieder geheime Securitad dabei war. Nichts davon - die Türsteher musterten mich abschätzend: kurze Hosen, Sandalen, T-Shirt... aber bei Devisen bringenden Touristen ist man dort wohlwollend und zudem weiss man ja nie im Künstler-Umfeld... Sie liessen uns rein. Ich aber hatte ein gewaltiges Déja-vu. Vordergründig eine sehenswerte Ausstellung mit dem Titel "Despues del arte". - After Art - mit namhaften Künstlern aus der ganzen Welt: Naumann bis Pistoletto - Lewis bis Rebecca Horn und dazu noch Schweizer wie Roman Signer. Aber was hat das Vita Parcours Zeichen damit zu tun? Für mich war Vita Parcours der  Churer Fürstenwald und Andreas Bärtsch. Anfangs der 70er Jahre bauten wir mit den Plänen von Andreas den ersten Vita Parcours in Chur. Er befahl was zu tun war, ich war der Antreiber, der alle Schaufler und Zimmerer koordinieren durfte, was natürlich hiess, dass auch ich selber schaufeln durfte für das neu aufkommende Fitnesstreiben in den Wäldern. Und jetzt waren diese blauen Tafeln mit schwarzen Nummern – Französisch beschriftet  – als internationale Kunstinstallation nobilitiert. Nix anderes, einfach die Tafeln so aufgehängt. Und der Titel "Vita Parcours". Internationale Kunst. Der internationale Schweizer Künstler Fabrice Gygi sei laut Katalog ironisch und weise subtil auf die schleichende Militarisierung unserer Körper in der Unterhaltungsindustrie hin und auch auf das Regime der Körper-Disziplin, dem wir uns heutzutage so gerne unterordnen würden. Sprachlos war ich wohl nicht nur wegen meines schlechten Spanischs, wohl eher wegen der neuen Kunsterfahrung. Du kannst jeden Scheiss aus dem Kontext verfrachten und klugscheisserisch untertexten heisst die Formel. – Klar, Kunst liegt im Auge des Betrachters und wenn Du's nicht checkst, hilft immer ein gut formulierter Katalog. Kulturverständnis ist eher von einem fehlgeleiteten elitären Gehabe geprägt. In Chur und Cuba ähnlich. Für die erleuchteten Wenigen eine geschützte Werkstatt, in der man selbstbezogen unter seinesgleichen rumhämmern kann. Wenn sich Andreas Bärtsch im Grabe auf dem Churer Friedhof noch freuen könnte: er würde schallend lachen. Genau diese Inhalte hatte er uns doch immer vermittelt. "Glaub doch nit jeda Saich."

Nichts zu lachen

Jedes Ding hat drei Seiten: eine negative, eine positive und eine komische, hat schon Karl Valentin gesagt. Zuerst die negative: ich hatte mein Portmonee in Chur verloren. Die positive: ich kaufte mir ein neues. Die komische: ist blogfüllend.

Gut, ich hätte nun einfach bei der Kantonspolizei eine Diebstahlanzeige machen können. Aber das bringt meine Identitätskarte auch nicht zurück. Ging also einfach zur Stadtpolizei am Kornplatz, um eine Verlustanzeige zu machen. Das stand in der Internet-Anweisung. Die Dame hat mich dann freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich besser zur Kantonspolizei ginge. Als ich darauf bestand einfach eine Verlustanzeige zu machen, meinte Sie, das sei etwas schwierig, da ich ja nicht angeben könne, ob es nun gestohlen oder verloren sei. Zum Ausfüllen brauche sie mindestens 20 Minuten – für ein A 4 Blatt! (oder zwei bis zehneinhalb Tage, sagte doch auch der Karl Valentin). Und nebenbei fragte sie noch ganz schüchtern, ob ich nicht gut drauf sei... Hat sie wahrscheinlich im Coaching-Kurs für den geziemenden Umgang mit Kantonsschülern gelernt.

Nach 20 Minuten war ich dann wieder dort, musste aber leider wegen einer Hundemarken-Prozedur für ein herziges Schulmädchen nochmals 5 Minuten anstehen. Die Dame tat mir leid, war noch nicht ganz fertig, schliesslich ist sie ja wahrscheinlich für alles mögliche gut ausgebildet: Kampfbahn, Schleuderkurs, Schiessen, Umgang mit renitenten Alten. Nur mit dem Schiesser seinem Formular hatte sie ihre liebe Mühe. Den Büro-Assessment-Kurs hätte sie auf jeden Fall nicht bestanden.

Klappte dann aber doch noch. Ich ging weiter zur Einwohnerkontrolle an der Quaderstrasse. Dort war's schon fast 17 Uhr, aber die sind natürlich public-governance-geschult. Es waren zwar Null Kunden mehr drin, aber der korrekt sitzende und jüstierte Schalterbeamte machte mich darauf aufmerksam, dass ich ein Schalter-Ticket rauszulassen hätte. Tat ich. Worauf ich wieder zurück in die leere Schalterhalle durfte und am Schalter 237 F von einer netten jungen Dame empfangen wurde. Die verschickte mich dann aber wieder, um ein Foto zu machen ("wir brauchen immer aktuelle Fotos - auch wenn ihres erst ein Jahr alt ist".) Dabei hatte sie in ihrem Computer ein erst zweijähriges Föteli gespeichert und eine Glatze habe ich schon seit 10 Jahren.) Bei Karl Valentin gibt's ja die Fotoatelier-Szene, wo der Fotograf will, dass sich das Brautpaar niederkniet und der Bräutigam sagt: "Gefällt mir nicht." Worauf Valentin meint: "Wieso haben's dann gheiratet?" Der Bräutigam: "Die Stellung gefällt mir nicht."

Also raus und schnell 6 Fotos gemacht für 10 Franken. Nur: oben beim Rand hatte ich mich nicht an die Vorschrift gehalten. Versuch Nr. 2 : meine Mundstellung gefiel nicht. Man dürfe nicht lachen, sagte die junge Bürokraft fast verschämt und etwas unruhig weil der Chef die Türe schliessen wollte. So kam ich ihr dann entgegen und versprach am anderen Tag wieder zu kommen, neue Fotos (jetzt 30 Franken) zu machen und ging die gleiche Türe raus, worauf der Chef mir nachlief, den Kopf schüttelte und rief: „die andere Türe; hier geht man nach 17 Uhr nicht raus - die Türe geht immer kaputt.“ So kaputt verliess ich dann das Stadthaus und hoffte nicht noch einem befreundeten Betriebswirtschafter zu begegnen, der wahrscheinlich dem Herrn Boner in einer Topstudie empfiehlt, dass man solche Dinge doch im Internet selbst ausfüllen könnte, sogar mit einem e-Code, einer elektronischen Unterschrift und departementsübergreifend. So wie man eine Visa Karte mit Foto nach einem 2-minütigen Telefongespräch mit Sicherheitsfragen speditiv zugestellt bekommt.

Am nächsten Morgen versuchte ich dann speditiv sofort ein neues Foto zu machen. Griesgrämig setze ich mich vor den Foto-Automaten. Ja nicht lachen! Mit meiner schrägen Maulstellung hatte ich da bestimmt Pluspunkte und die Gesichtsoval-Vorschriften waren eingehalten. Ich sah aus wie eine Tatort-Leiche - ein Auge halb zu. Die junge Einwohner-Kontrolleurin tat mir leid; sie getraute sich nicht zu sagen, das sei ja schrecklich, bemerkte dann aber doch vorsichtig dass eventuell die Zampanos der Passkontrolle-Kontrolle meinen könnten, die ID sei so nicht durchzulassen. Ich beruhigte sie, dass notfalls auch das Bundesgericht bestätigen würde, dass ich halt von einem Zeckenbiss eine Gesichtslähmung gehabt hätte und deshalb so ein schräges Maul. Gottseidank liest sie keine Zeitungen, sonst hätte sie diese Doppeldeutigkeit  noch bestätigt bekommen. Aber da hätte wahrscheinlich Karl Valentin schon gesagt. „Wissen Sie eigentlich, dass auch in einer Stadt wie Chur  Pfingsten vor Ostern kommt, wenn man den Kalender von hinten liest.“ Finden Sie auch gar nicht so lustig? Die Büro-Realität der Stadt Chur schlägt jeden Komiker.

Filmreif

Hollywood ist uns meist weit voraus. Die Filmer haben unsere Krisen natürlich wieder mal vorausgesehen: "Das ist ein Scheissgefühl, wenn plötzlich alles aus dem Leim geht", sagt Finn Gilbert im Film „Palermo Shooting“ von Wim Wenders. Oder wie im Film "Matrix": nimmst Du die blaue Pille, geht es irgendwie weiter. So haben sich vielleicht die europäischen Finanzminister das vorgestellt. Nimmst Du die rote landest Du in der Matrix - einer nicht mehr von uns kontrollierten Welt. Als Folge müssten wir vielleicht wieder stark, siegreich und hektisch sesselfurzend am WEF oder anderen Globalisierungs-Tagungen teilnehmen.

Schon die alte Film-Alice im Wunderland meinte zum Chüngel: "Du musst doppelt so schnell laufen um anzukommen." Auch die Boni-Empfänger funktionieren so. Soviel Rattenrennen und Fussschweiss braucht die realfiktive Blasen-Ökonomie eben. Das hat die Filmfigur Gekko mit Michael Douglas schon 1987 gezeigt. Die nächste Trivialparodie ist wohl ein Film mit allen Management-Dummheiten, die's so gibt.

Das Sprachrauschen der letzten Wochen über die Wirtschaftszukunft ergibt doch einen tollen Comedy-Film. Zentralrelevante Orientierungsgrösse: der ganze Nonsense der Wirtschaftstheoretiker. Die Handlung etwa so: frei nach Einstein sind nur zwei Dinge unendlich – das Universum und die Management-Dummheiten. Hand in Hand (oder Handy in Handy?) we go. – Wenn man sich im Kreis dreht, glaubt man ja gerne es sei Kooperation. Filmreif abgehen könnte man dann wie der britische Premier Brown, wie er mit seiner Familie Hand in Hand Abschied nahm von Downing Street 10. Da sind Fiktion und Realität ziemlich nahe. "Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden," sagt Siegfried Lenz.

Nur weiss ich natürlich als Kommunikationsmensch, dass ein Film nicht so sein darf wie Georg Clooney ist, sondern so wie Renzo Blumenthal sein möchte. Die Realität würde dann in Reportage-Mitschnitten aus Griechenland eingebaut. O-Ton: "Wir Griechen möchten's doch auch so recht gemütlich wie diese Berliner, Zürcher und Londoner bei uns in den Ferien. Wir verstehen aber nicht, warum die so arbeiten müssen." - Dann singt's aus dem Film-Hintergrund wie bei Wim Wenders: "Quello che non ho è quello che mi manca“. Was er hat, das will er nicht und was er will, das hat er nicht, der Erbe von Sokrates.