Dienstag, 3. August 2010

Platzangst

Graubünden „erweitert den Horizont“ steht auf dem Jahresbericht des Wirtschaftsforums Graubünden. - Ja, das sehe ich auch so, jedes Mal wenn ich auf einem Berg stehe. Wir wollen doch alle einfach nur irgendwo abschalten, unerreichbar sein und die Daseinsform des Unerreichbar-Seins kultivieren. In Graubünden ist man nach 2 bis 3 Stunden wandern oder biken im Paradies - dann sind wir unerreichbar wie im Vitriolwasser. Brauchen wir dazu ein Hüsli in Moritz? Vielleicht genügt ja eine nette Gaststätte in der Nähe? Einige Gutverdiener und Boni-Empfänger sehen das offenbar etwas anders und erweitern sich ganz gäbig - nebst dem finanziellen Horizont - auch die Sicht auf die Bündner Berge. Wenn man die Entwicklung der Immobilien-Preise in Graubünden ansieht, fragt man sich, ob die globale Platzangst der Reichen in Graubünden eine Kernzone hat? Gibt's zu viel (zufliessendes) Geld und zuwenig Raum? Erweitern die alle ihren Horizont mit einem Bündner Ferienhaus?

Die Preise für Bündner- Ferienwohnungen sind auf einem Hoch: der Quadratmeter für Eigentumswohnungen in St. Moritz (18'000 bis 40'000 Franken), Davos (9'000 bis 14'000 Franken) und in Flims Laax (9'000 bis 12'000 Franken). Und in S-chanf und Parpan hofft man auch auf eine Steigerung... Wir leben also gut vom Raum verkaufen. Gut so. Von etwas müssen wir ja leben. Die Arbeitsplätze in diesen Regionen sind nämlich zurückgegangen... Nur wer profitiert davon? Einige sehr gut verdienende Zweitwohnungskäufer und unsere Immobilienwirtschaft. Zehn Prozent der Bevölkerung garnieren 90% der Profite. Nicht falsch, Frage ist nur, ob wir nicht in weniger frequentierten Regionen etwas mehr für die Wertschöpfung tun sollten?

Genügt das, wenn nur unsere Immobilienwirtschaft profitiert? So einfach ist diese Frage nicht: alte Hotels - schlecht geführt - bringen etwa gleich viel Auslastung wie eine Durchschnitts-Ferienwohnung, also rund 20% (Beispiel Zernez). Neue Ferienwohnungen, gut vermarktet (Beispiel Laax und Savognin), bringen mehr Auslastung (über 50%) und damit auch mehr Umsatz und Wertschöpfung, als der Durchschnitt der Bündner Hotellerie. Nicht immer gilt also: Hotelbetten sind warme Betten und Ferienwohnungen sind kalte Betten. Gut, neue Ideen werden jetzt natürlich hoch gelobt: Kauf mit Vermietungspflicht (oder „buy-to-use-and let“ heisst das so schön im Jargon). Nur funktioniert das noch nicht so überzeugend auf dem Markt.


Das erinnert mich an das berühmte Bild von Sigmar Polke mit dem Titel: „Zwei Hunde und ein Knochen kommen nicht so leicht zur Einigung.“ - Haben wir zu viele  gut verdienende Hunde und zuwenig Raum? - Wohl doch. So gesehen haben wir eben nicht alle den gleichen (finanziellen) Horizont, höchstens den gleichen Himmel über uns. - Aufwärts geht's; wenigstens seit die Blasen-Banker zwar wieder besser verdienen, die andern ihnen aber nicht mehr trauen: lieber ein Hüsli in Moritz, als einen schlechten Anlageberater. Nur hat es der Boni-Adel natürlich nicht nötig, die gekaufte Ferienwohnung zu vermieten. Folge: Wertschöpfung Null, Zero. - Irgendwie kommt mir da die alte Definition des Kapitalismus hoch: „Zwei Wölfe und ein Schaf beraten zusammen, was sie Znacht essen.“ - Sind wir jetzt die Lammkoteletts?

(P.S und Philosophie-Exkurs: in der Tourismus Branche gibt's ja das Phänomen des double bind: überall dort wo man noch unentdeckte Paradiese findet, sind sie nach kurzer Zeit entdeckt und jedermann will dorthin. Bis wieder zu viele dort sind. Das gleicht dem Mann der immer hoffnungsvoll seinem eigenen Schatten entfliehen will.)

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