Ein Theodor Fontane wollte ich zwar nie werden. Meine Frau meinte, die Frau Briest hätte schon recht, als sie zu ihrem Mann sagte: „Fang bloss nicht an zu dichten Briest, das liegt ausserhalb deiner Möglichkeiten“. Extrem lukrative Möglichkeiten sah ich dann im Werbetexten. Aber auch da meinte meine Frau, nur das Copyright auf Rechtschreibefehler würde mir meinen Lebensunterhalt sichern. Darum wurde ich dann auch Werber oder eben Kommunikationsberater. Das sind dann die, die sogar ihre Glatze als Werbefläche verkaufen. Soweit ging aber nur mein Haupt, das sich im Laufe der Jahre adäquat auf mein neues mögliches Geschäftsfeld Haare lassend vorbereitete.
Gut, gebildet zu sein heisst ja auch, sich nicht anmerken zu lassen, was man nicht weiss. Wenn Joyce seinen Leopold Bloom am Ende des vierten Kapitels von Ulysses auf dem Kackstuhl sitzend über die Beziehungen von Leib und Seele nachdenken lässt, ist das natürlich was anderes, als wenn ein 20-jähriger Rapper „Scheisse“ singt... (Ich finde das übrigens nicht so schlimm; in den USA sagten mir viele Scheisser). Weil Deutsch taugt halt auch nichts mehr. Man kann natürlich auch über die heutige Jugend motzen, anstatt über des alten Kaisers Bildungsdünkel und seine nicht existenten Kleider. Denn gesegnet seien die, die nichts zu sagen haben und das Maul halten, meinte Oscar Wilde. Was nicht unbedingt für jede Ausgabe unserer Regionalzeitungen zutrifft. Wenn man die Bündner Medien liest, wird's ja schwierig auf der immer mehr nach unten offenen Erfolgsskala den Grenzwert von der Sch... zur Schreibe zu finden.
Kafkas viel zitierter Satz von der Literatur, die eine Axt sein müsse für das „gefrorene Meer in uns“, habe ich nicht hundertprozentig verinnerlicht. Ich spiele mehr mit dem Bildungsbürger-Ansatz; bin also eher ein Zitaten-Grübli-Häckerli oder lausiger Wortverdreher. Gebildet sein heisst ja: sich nicht anmerken zu lassen, wie schlecht man ist (stammt nicht von mir; ich hätte es bildungsgeschwurbelter zitiert). Hat Nietzsche in Graubünden geschrieben. Oder vielleicht auf dem Weg nach St. Moritz. Inspiriert war der Wahnsinnige auf jeden Fall hier. Von den unendlichen Höhen und Tiefen in diesem Land der Bettenhändler, Biobäuerinnen und Skilehrer. Im Land der Steine und Böcke fangen viele Geschichten an. Und nicht in Gregor Samsas Bett wie bei Kafka. Obwohl natürlich viele Geschichten im Bett anfangen.
Seit Analphabeten Sweat-Shirts mit der Aufschrift University of California tragen dürfen, gibt's ja auch die Bündner Wochenzeitungen. Die reizen ja dann zum dichten. Die BüWo zum Beispiel animiert mich jeden Mittwoch zum nachdichten, selten zum denken. Fazit: je mikroskopischer die Geschäftsfelder, desto grosskarierter unsere lokalen PR-Blätter. Jedem Nagelstudio seine PR Meldung mit einer glokalisierten Weltneuheit. Die reizen mich dann aber wieder gar nicht.
Seit dem Teenager Alter in den 60er Jahren liebe ich es tucholsky-satirisch; in der Zwischenzeit gibt's zwar SMS und Stefan Raab – LOL - Lachlach. Zum Kurzfutter meinte ja schon Tucholsky: „Ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen.“ Genau auf dem Punkt. Obwohl sich unsere Generation schon fragt, ob die Abkürzungen nicht auch schon wieder einen sozialen Code für die Generationenunterscheidung bedeuten. Ich schreibe short, darum bin ich jung? Persönlich schreibe ich einfach gerne, darum bin ich. Und so schreibe ich halt eher in der etwas redundanten Deutschlehrer-Altersheim-Codierung.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen