Donnerstag, 3. Juni 2010

Kunstkult

Über Kunst will ich mich nicht streiten. "Wenn man's kann ist's keine Kunst, und wenn man's nicht kann erst recht keine", hat doch Karl Valentin schon gesagt. Und über die schön ziselierten, hochnobilitierten Sätze, die uns vorgekaut werden, damit wir merken, dass was Kunst ist, wundere ich mich schon längst nicht mehr. Aber diese wahre Geschichte hat alles geschlagen was ich bisher unter Kunst kannte. Vielleicht sollte man auch mal den Kunst Schaffenden zu erläutern versuchen, wo sich der, auf der nach unten offenen Kulturförderungsskala, der Grenzwert zur Nicht-Kunst befindet.

Schauplatz Cuba: Wir spazierten recht touristisch beim Eindunkeln im November durch Havanna. Auffällig war da eine Vita Parcours-Tafel an einem beleuchteten Haus. Emsig strömten neue Leute zu dieser Türe. Locker gekleidet, aber doch mit dem gewissen Etwas der Internationalität. Oder eher Kultis? Vorsichtig schaute ich mich um, ob da wohl wieder geheime Securitad dabei war. Nichts davon - die Türsteher musterten mich abschätzend: kurze Hosen, Sandalen, T-Shirt... aber bei Devisen bringenden Touristen ist man dort wohlwollend und zudem weiss man ja nie im Künstler-Umfeld... Sie liessen uns rein. Ich aber hatte ein gewaltiges Déja-vu. Vordergründig eine sehenswerte Ausstellung mit dem Titel "Despues del arte". - After Art - mit namhaften Künstlern aus der ganzen Welt: Naumann bis Pistoletto - Lewis bis Rebecca Horn und dazu noch Schweizer wie Roman Signer. Aber was hat das Vita Parcours Zeichen damit zu tun? Für mich war Vita Parcours der  Churer Fürstenwald und Andreas Bärtsch. Anfangs der 70er Jahre bauten wir mit den Plänen von Andreas den ersten Vita Parcours in Chur. Er befahl was zu tun war, ich war der Antreiber, der alle Schaufler und Zimmerer koordinieren durfte, was natürlich hiess, dass auch ich selber schaufeln durfte für das neu aufkommende Fitnesstreiben in den Wäldern. Und jetzt waren diese blauen Tafeln mit schwarzen Nummern – Französisch beschriftet  – als internationale Kunstinstallation nobilitiert. Nix anderes, einfach die Tafeln so aufgehängt. Und der Titel "Vita Parcours". Internationale Kunst. Der internationale Schweizer Künstler Fabrice Gygi sei laut Katalog ironisch und weise subtil auf die schleichende Militarisierung unserer Körper in der Unterhaltungsindustrie hin und auch auf das Regime der Körper-Disziplin, dem wir uns heutzutage so gerne unterordnen würden. Sprachlos war ich wohl nicht nur wegen meines schlechten Spanischs, wohl eher wegen der neuen Kunsterfahrung. Du kannst jeden Scheiss aus dem Kontext verfrachten und klugscheisserisch untertexten heisst die Formel. – Klar, Kunst liegt im Auge des Betrachters und wenn Du's nicht checkst, hilft immer ein gut formulierter Katalog. Kulturverständnis ist eher von einem fehlgeleiteten elitären Gehabe geprägt. In Chur und Cuba ähnlich. Für die erleuchteten Wenigen eine geschützte Werkstatt, in der man selbstbezogen unter seinesgleichen rumhämmern kann. Wenn sich Andreas Bärtsch im Grabe auf dem Churer Friedhof noch freuen könnte: er würde schallend lachen. Genau diese Inhalte hatte er uns doch immer vermittelt. "Glaub doch nit jeda Saich."

Keine Kommentare: