Donnerstag, 3. Juni 2010

Nichts zu lachen

Jedes Ding hat drei Seiten: eine negative, eine positive und eine komische, hat schon Karl Valentin gesagt. Zuerst die negative: ich hatte mein Portmonee in Chur verloren. Die positive: ich kaufte mir ein neues. Die komische: ist blogfüllend.

Gut, ich hätte nun einfach bei der Kantonspolizei eine Diebstahlanzeige machen können. Aber das bringt meine Identitätskarte auch nicht zurück. Ging also einfach zur Stadtpolizei am Kornplatz, um eine Verlustanzeige zu machen. Das stand in der Internet-Anweisung. Die Dame hat mich dann freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich besser zur Kantonspolizei ginge. Als ich darauf bestand einfach eine Verlustanzeige zu machen, meinte Sie, das sei etwas schwierig, da ich ja nicht angeben könne, ob es nun gestohlen oder verloren sei. Zum Ausfüllen brauche sie mindestens 20 Minuten – für ein A 4 Blatt! (oder zwei bis zehneinhalb Tage, sagte doch auch der Karl Valentin). Und nebenbei fragte sie noch ganz schüchtern, ob ich nicht gut drauf sei... Hat sie wahrscheinlich im Coaching-Kurs für den geziemenden Umgang mit Kantonsschülern gelernt.

Nach 20 Minuten war ich dann wieder dort, musste aber leider wegen einer Hundemarken-Prozedur für ein herziges Schulmädchen nochmals 5 Minuten anstehen. Die Dame tat mir leid, war noch nicht ganz fertig, schliesslich ist sie ja wahrscheinlich für alles mögliche gut ausgebildet: Kampfbahn, Schleuderkurs, Schiessen, Umgang mit renitenten Alten. Nur mit dem Schiesser seinem Formular hatte sie ihre liebe Mühe. Den Büro-Assessment-Kurs hätte sie auf jeden Fall nicht bestanden.

Klappte dann aber doch noch. Ich ging weiter zur Einwohnerkontrolle an der Quaderstrasse. Dort war's schon fast 17 Uhr, aber die sind natürlich public-governance-geschult. Es waren zwar Null Kunden mehr drin, aber der korrekt sitzende und jüstierte Schalterbeamte machte mich darauf aufmerksam, dass ich ein Schalter-Ticket rauszulassen hätte. Tat ich. Worauf ich wieder zurück in die leere Schalterhalle durfte und am Schalter 237 F von einer netten jungen Dame empfangen wurde. Die verschickte mich dann aber wieder, um ein Foto zu machen ("wir brauchen immer aktuelle Fotos - auch wenn ihres erst ein Jahr alt ist".) Dabei hatte sie in ihrem Computer ein erst zweijähriges Föteli gespeichert und eine Glatze habe ich schon seit 10 Jahren.) Bei Karl Valentin gibt's ja die Fotoatelier-Szene, wo der Fotograf will, dass sich das Brautpaar niederkniet und der Bräutigam sagt: "Gefällt mir nicht." Worauf Valentin meint: "Wieso haben's dann gheiratet?" Der Bräutigam: "Die Stellung gefällt mir nicht."

Also raus und schnell 6 Fotos gemacht für 10 Franken. Nur: oben beim Rand hatte ich mich nicht an die Vorschrift gehalten. Versuch Nr. 2 : meine Mundstellung gefiel nicht. Man dürfe nicht lachen, sagte die junge Bürokraft fast verschämt und etwas unruhig weil der Chef die Türe schliessen wollte. So kam ich ihr dann entgegen und versprach am anderen Tag wieder zu kommen, neue Fotos (jetzt 30 Franken) zu machen und ging die gleiche Türe raus, worauf der Chef mir nachlief, den Kopf schüttelte und rief: „die andere Türe; hier geht man nach 17 Uhr nicht raus - die Türe geht immer kaputt.“ So kaputt verliess ich dann das Stadthaus und hoffte nicht noch einem befreundeten Betriebswirtschafter zu begegnen, der wahrscheinlich dem Herrn Boner in einer Topstudie empfiehlt, dass man solche Dinge doch im Internet selbst ausfüllen könnte, sogar mit einem e-Code, einer elektronischen Unterschrift und departementsübergreifend. So wie man eine Visa Karte mit Foto nach einem 2-minütigen Telefongespräch mit Sicherheitsfragen speditiv zugestellt bekommt.

Am nächsten Morgen versuchte ich dann speditiv sofort ein neues Foto zu machen. Griesgrämig setze ich mich vor den Foto-Automaten. Ja nicht lachen! Mit meiner schrägen Maulstellung hatte ich da bestimmt Pluspunkte und die Gesichtsoval-Vorschriften waren eingehalten. Ich sah aus wie eine Tatort-Leiche - ein Auge halb zu. Die junge Einwohner-Kontrolleurin tat mir leid; sie getraute sich nicht zu sagen, das sei ja schrecklich, bemerkte dann aber doch vorsichtig dass eventuell die Zampanos der Passkontrolle-Kontrolle meinen könnten, die ID sei so nicht durchzulassen. Ich beruhigte sie, dass notfalls auch das Bundesgericht bestätigen würde, dass ich halt von einem Zeckenbiss eine Gesichtslähmung gehabt hätte und deshalb so ein schräges Maul. Gottseidank liest sie keine Zeitungen, sonst hätte sie diese Doppeldeutigkeit  noch bestätigt bekommen. Aber da hätte wahrscheinlich Karl Valentin schon gesagt. „Wissen Sie eigentlich, dass auch in einer Stadt wie Chur  Pfingsten vor Ostern kommt, wenn man den Kalender von hinten liest.“ Finden Sie auch gar nicht so lustig? Die Büro-Realität der Stadt Chur schlägt jeden Komiker.

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