Am liebsten hätten wir ja so einen Strom-Kebab mit allem Pipapo: billig drauflos sauen mit Energie, keine Angst vor Atom-Tsunamis, gutes Gewissen, Grün-Faktor-Bluff - alles enkeltauglich.
Kann ich jetzt den Sonntagsfilm noch reinziehen - oder muss ich gleich am Montag eine Bonsai Arve pflanzen um zu kompensieren? Jeden Tag mit dem Auto nach Zürich pendeln und dafür im Prättigau so ein autarkes Passivhaus bauen, mit einem Dämmplatten-Panzer gemacht aus Erdöl? Im eigenen Business ziemlich (unbekümmert, wie die meisten) meine CO2 Schleuder-Lastwagen rumkutschieren lassen, dafür postet meine Frau ein E-Bike? Einen neuen Kühlschrank A+++ kaufen und dafür in die Karibik fliegen?
Easy - die „Atomstrom-ist-gefährlich-Grippe“ stabilisiert jetzt wieder bei 36.5 Grad. Alarmismus ist ja auch nicht gefragt. Was hat Kathrin Röggla so treffend formuliert: wenn sie ihr Haus brennen sehe, laufe sie nicht mehr raus. Sie bleibe drin, sie warte ab, ob es wirklich brenne. Die Alarmdosis, die auf Menschen einwirkt, ist längst zu hoch. Die Reaktionsbereitschaft sinkt, der Alarmismus zeigt keine Wirkung mehr. Die Atomaussteiger sind Hysteriker, Warnende, Bedenkenträger. Die dauernervöse Öffentlichkeit liebt das Dauergeschwafel und Oberflächengekratze mehr, als Messages, die man nicht so genau beurteilen kann. Haben die Probleme keine Lösung, weil die meisten Lösungen schon wieder das Problem sind? Kommt mir so vor - mindestens bei der Atomkraft.
Vor den Ferien waren wir noch eine Expertenrepublik. Jeder hat's ja immer gewusst. Nur kein Atomstrom. Die einen sind Solarfreaks: Solarzellen - von der Tundra bis zur Sahelzone. Die andern machen Wind mit Windrädern. Die Biomasse tritt jetzt auch massierter auf. Und die Ganzschlauen, die Stromdealer, die elektrisiert sind vom Geldscheffeln mit alten Atomanlagen und Kohlekraftwerken haben einfach geschwiegen und ihre PR-Maschine angeworfen. Auch das hilft immer: die Vereinnahmung mit vermeintlicher Expertenkompetenz und krawattenunterstützter Wortkompetenz, durch eine matrix-geordnete „alles-im-Griff-Weltsicht“. Nun, eines wissen wir sicher: jedes Kilowatt ist eigentlich Politik und Ideologie und viel Geschäft. Und die Stromlobby, verfilzt und verschachtelt, hat gar kein Interesse andere was verdienen zu lassen. Jetzt kann man mit dem bauernschlaubewährten SVP-Szenario drohen: Versorgungssicherheit und höhere Preise. - Hat man bisher am hohen Stromverbrauch so toll verdient, will man die Freakshow verlängern. Dürfen wir denen noch trauen? Sicher, wir haben ja bald eine Stromlücke - ja, aber noch vorher, gab's da nicht eine Geisteslücke der Strommanager? Alle neuen Technologien breit zu nutzen und vor allem, deren Speicherung mal anzudenken, wäre nicht so falsch gewesen?
Trauen sollte man den Stromern nicht, aber zutrauen sollte man denen auch nicht viel. Herr Altregierungsrat Lardi- neuer REpower Verwaltungsrat zum Beispiel ist ja kein Gefährlicher. Aber gefährlich wird's, wenn man denen zutraut gewichtige, energiepolitische Weichen zu stellen. Der Papa-Moll-Faktor plus ein paar alte Kollegen reichen natürlich um an der GV gewählt zu werden. Und wenn an der RE-GV die silbergrauen Senioren in ihrem Dividendenhunger mit tosendem Applaus niemandem reden lassen, der die Kohle-Kraftwerk-Diskussion anregt, damit man schneller zum GV-Mittagessen kann, ist das ja altersgerecht tolerant. Die dürfen ja Energieprobleme mit Ideologie verwechseln. Aber die Führungsdemenz sollte man dann doch hinterfragen.
Als ich in den 80er Jahren den damaligen Regierungsrat Brändli animieren wollte, die Bio-Landwirtschaft anzukurbeln kam die Antwort (O-Ton): „Die erreichen ja sowieso nur 4% Marktanteil.“ Wo sind wir jetzt? Auch bei 40% Bedarfsdeckung durch Bio. Beim Strom genau so - es ist nachweisbar, dass wir auch künftig mit erneuerbaren Kombinationen 40% unseres Strombedarfs decken könnten. Und wo ist der Herr Brändli: Ständerat und natürlich REpower Verwaltungsrat, der mit anderen verhindert hat, dass die RE ein Pionierunternehmen wird im Ökostrom? - Selbst erlebt: ich hatte vor 15 Jahren in Wiesbaden vor der Spitze der deutschen Energiewirtschaft ein Referat zum Marketing von Ökostrom, das überall Nachahmer fand. Und die Beispiele unserer RE-Ökostrom-Werbung mit Coop Schweiz wurden kopiert. Ein Jahr später wurden die Massnahmen sang- und klanglos vom VR beerdigt.
Aber vielleicht sehe ich das einfach zu einfach. Wenn z.B heute die tollen Postautos mit (meiner) Ökostrom Werbung von REpower rumfahren, frage ich mich einfach, wieso da nicht der Slogan „15 Jahre zu spät“ draufsteht... Die tollen Bilder unserer Natur-Wasserkraft machen uns ja subito so glücklich. Man verbreitet das Märli, Ökostrom wolle sowieso niemand, und dann macht man mit Steinkohle aus Südamerika Strom in Deutschland; den schickt man dann umständlich mit vielen Energieverlusten quer durch Europa und betreibt damit Bahnen. Da hätte man ja gleich mit der Kohle die alten Dampfloks wieder heizen können.
Es haben ja viele recht, aber nur eines zählt: sparen mit Geräten und Motoren der neuen Generation, dämmen und neue Energieformen effizient kombinieren und die alten Märchen nicht mehr glauben. Josias Gasser sagt: „Für mich bedeutet seriöse Energiepolitik: Konzepte entwickeln (Energieeffizienz und erneuerbare Energien statt Grosskraftwerke), forschen, tüfteln und nach neuen Lösungen suchen, testen, probieren und umsetzen. Mit Eindreschen auf und Verteufeln eben dieser Konzepte kommen wir nicht weiter! Es ist jedem Kinde klar, dass es keine Technologie zur Stromerzeugung gibt, welche keine Umweltwirkung hat. Solange wir Strom jederzeit an jedem gewünschten Ort in jeder gewünschten (noch so verschwenderischen) Menge zur Verfügung haben wollen, brauchen wir Kraftwerke (Strom-erzeugungsanlagen) und zwar möglichst saubere und dezentral. Noch besser ist die Investition in Energieeffizienz. Im Häuserbau liegt das grösste Einsparpotential.“ Punkt.
Besser nicht reden über den Ausstieg - ist das der beste Ausstieg? Ein gutes Beispiel für das Drüberhinwegschwafeln gibt's im neuen Film von Mike Leigh „another year“: Am Schluss ihrer Energiediskussion sagt der Geologe zur alkoholisierten Mary: „you are absolutely right, Mary, ....und beendet dies: “would you like some coffee?“ - Sie können aber auch das Standardwerk von Peter Sloterdyijk über den Zynismus auf Ihr Nachtischli legen...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen